Ausgegraben

Immer mal wieder entdecke ich alte Texte und unbeantwortet gebliebene Briefe von mir, zum Thema meines bereits ersten Blog-Versuches, die ich von nun an hier gegebenenfalls auch veröffentlichen möchte: den Anfang macht etwas vom 19. Dezember 2007, zu dem ich mich nach Lektüre von „Die Medien-Maschine, die fürs Leben mundtot machen kann“ und die damalige Berichterstattung in der Kleinen Zeitung über Gewalt in der populären Kultur, entschlossen hatte.

 

Sehr geehrter Herr …!
Ich fand die Logik in Ihrem Leitartikel schon außergewöhnlich interessant. Es soll ja für jede Meinung auch eine Studie geben, aber wie offenbar aus ein und derselben diametral verschiedene Schlüsse gezogen werden können, ist doch noch erstaunlich für mich: wenn ein Drittel untersuchter Eltern ihren Kindern einen Fernseher im Zimmer zumutet sollte es doch eigentlich niemanden verwundern, dass vom Rest ungefähr gleichviel diesen eben ablehnen? Anscheinend wurde da etwas in Auftrag gegeben, das den Auftraggebern dann doch zu wenig entgegengekommen ist.
Der fortgeschrittenen Medienfeindlichkeit wird dies aber auch keinen Abbruch tun: mir ist die unkritische Hymne für Peter Bürgers bei uns mit einem „Friedenspreis“ ausgezeichneter, Ressentiment-geladener Arbeit „Kino der Angst“ vor einiger Zeit in der Kleinen Zeitung noch gut in Erinnerung, wo praktisch jeder fiktionalen Darstellung von Krieg und Gewalt „in the face“ eine affirmative Bedeutung zugeschrieben wird, allein schon da es bei professionellen Produktionen zwecks Authentizität üblich ist militärische Beratung hinzuzuziehen. Der darin verwendete Begriff „Militainment“ hätte zwar eigentlich eine genuin etwas andere, das heißt mehr an Journalismus denkende, Bedeutung, aber wer als Friedensaktivist gegen die amerikanische Kulturindustrie antritt, dem scheint dies wenig zu kümmern.

Sie darf ich daran erinnern, dass der/die durchschnittliche VideospielerIn heute weit über 30 Jahre alt ist, weshalb ihre Angriffe auf Vorgänge in Kinderzimmern eine demoskopisch schiefe Wahrnehmung vermuten lassen: Sie schreiben in bezug auf das Fernsehen davon, dass es immer noch besser sei „als gewalttätige Video-Games, immer noch besser, Bruce Willis mäht fiese Typen nieder, als dass die Kinder selbst am Drücker sitzen“, um daraufhin wiederum die Passivität von Fernsehen zu kritisieren. Die Unterhaltungsfeindlichkeit welche jeder direkten und ausdrücklichen Zurschaustellung negativer Dinge eine gutheißende Beziehung unterstellt erreicht so eine wahrhaft erschreckende Dimension für mich.
Wer über Jugend-Medienschutz schreibt sollte sich stets vor Augen halten welche Erwachsenen er damit auch trifft, denn hier geht es nicht um Maßlosigkeit, Tabak- oder Alkoholverbote für Jugendliche, wobei es bei letzteren ja noch viel erschreckend populistischen Raum in Österreich zu geben scheint, und in diesem Sinne frage ich mich schon, was Sie von Menschen wie mir eigentlich halten?
Dazu kann ich sagen, dass ich mit meinen 27 Jahren früher zwar viel und täglich ferngesehen habe, dies aber heute kaum mehr tue, wenn es hoch kommt einmal die Woche vielleicht, und dann auch nur kurz.
Meine primäre Bildung habe ich darüber hinaus nicht in steirischen Schulen, wo ich auch aufgrund meiner Behinderung mehr Verachtung als anderes erfahren habe, erhalten, sondern über Videospiele, mit denen – für mein Alter jeweils auch geeignet erklärten – ich mich ab meinem 16. Lebensjahr intensiv auseinander zu setzen begann. Videospiele haben sich schon immer mit Gewalt beschäftigt, und von Anbeginn an ist ihnen dies auch zum Vorwurf gemacht worden. Videospielen bedeutete auch von jeher schon moralisches handeln, sowie ein bestimmtes ausloten eigener, persönlicher Grenzen. Ich hoffe doch, dass die Kleine Zeitung dies nicht fortwährend einseitig in Frage stellen möchte und Menschen wie mich dermaßen zu beleidigen hat. Ich möchte in Österreich jedenfalls keine Zustände wie in Deutschland haben, wo die Kulturform von Menschen gegenwärtig (noch immer) geradezu selbstverständlich mit furchtbaren Straftaten und realen Gewaltverbrechen in direktem Zusammenhang gebracht wird.
Weshalb wegsehen und Verschweigen besser sein soll als Offenheit und zeigen ist jedoch etwas, das mir in dieser Gesellschaft wohl immer rätselhaft bleiben wird.

Hochachtungsvoll

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