Offener Brief an einen Autor der Kleinen Zeitung, anlässlich der Veröffentlichung des Kommentars „Quentin Riefenstahl“ am 23.8.2009 63

Sehr geehrter Herr Titz!
Ich verstehe nicht und beobachte seit Jahren Woche für Woche wie in Ihrer Zeitung jeder zurückhaltend-reduktionistische, einem vermeintlichen Realismus nachgehende Spielfilm in dem kaum Bewegung herrscht, vor allem aus Frankreich, für „außergewöhnlich“ gut gehalten wird – Ausnahmen bestätigen die Regel – Genre-Filme jedoch für gewöhnlich abgewertet oder gleich übergangen werden. Dabei gibt es gerade in Frankreich auch ein lebendiges Genre-Kino, dessen Werke oder wohl eher Produkte wie es in Ihrer Zeitung so heißen würde, zwar beständig Gefahr laufen im Nachbar Deutschland verboten zu werden, in Frankreich dennoch einen Platz haben. Nicht nur als Filme die dort, wie glücklicherweise hier in Österreich auch, auf Video verkauft und verschenkt werden dürfen, sondern auch eine entsprechende Produktionsumgebung in Frankreich vorfinden.
Dazu braucht es gar kein Hollywood und diese Filme könnten aufgrund ihrer oft noch sexuell aufgeladenen Brutalität in den USA häufig auch gar nicht so einfach in die Kinos kommen, ganz abgesehen von der Sprachbarriere.
Hierzulande ist bis auf zwei Arbeiten des ehemaligen Kameramanns von Michael Haneke, Andreas Prochaska, ebenfalls kaum etwas aus diesem Bereich zu nennen: Prochaska, der sich in einem Interview anfangs einmal relativ erschrocken gezeigt hat in welcher Gesellschaft er sich beim Genre-Film befindet und von Klassikern aus diesem Bereich als „merkwürdiges Zeug“ gesprochen hat.

Tarantino? Dessen Filme brauchen um ein solches Schicksal nicht zu fürchten, dafür kann wirklich im gesamten deutschsprachigen Feuilleton irgendwie noch gelegentliches Verständnis aufgebracht werden, und ich sage bewusst kritisch dazu: warum auch immer.
Wo die Ablehnung für derlei Stoffe, Inhalte UND Formen sonst für gewöhnlich doch einhellig ist.
Und mag sein, dass das sogar wirklich auch ein Manko von Tarantino ist, dass sich dieser so einem etablierten Geschmack und Empfinden mit seinen ganzen Zitaten und der seinen Filmen inne wohnenden Ironie angebiedert hat. Ich sage noch: diese Zitate und die Ironie müssen darin nicht vorkommen, doch weshalb sollte die Gewalt um welche es darin doch auch geht ausgeblendet werden?
Oder gleich gar nicht thematisiert werden? Bloß aus dem off denunziert, so wie bei Herrn Haneke, zur selbstgefälligen moralischen Überlegenheit – weil ein anderer Blick bloß der Konsumierbarkeit von Gewalt dienen würde? Zum Wohle wessen? Wer von „Infantilität“ spricht denkt eine andere „Reife“ mit: kann sich jemand der einen (Alp-)Traum gegen die vermeintliche Realität eintauscht, auch gegen eine historische Realität – dem „so wie es wirklich gewesen ist“ -, nicht bloß ebenfalls etwas einbilden?
Wo ist der Respekt für das (alp)träumen?

Ich halte nicht sehr viel davon, wenn sich Schauspieler ernsthaft als Holocaust-Opfer verkleiden. Dabei wird mir schnell übel, und in diesem gefühlten Zustand befinden sich auch meine rationalen Vorbehalte gegen einen solchen Realismus. Weiß auch, dass ich zumindest mit diesem Gefühl in Österreich nicht ganz allein bin: in Robert Schindels Roman „Gebürtig“ wird dieses Unbehagen, auch verfilmt, thematisiert. Kann ich nur empfehlen.

Am Beispiel „Inglorious Basterds“: dort einen mangelhaften Respekt zu beklagen wirkt äußerst befremdlich auf mich – einerseits den Nachnamen vom Urheber des Films durch den der bekanntesten Propagandistin des Nationalsozialismus austauschen und dann noch mangelhaften Respekt für Nazis fordern, weil ansonsten etwas (auch) „Menschenverachtung“ wäre? Allen anderen wird in dem Film doch ausreichend Respekt entgegengebracht. Eine hohe Wertschätzung für Riefenstahl ist in den USA keineswegs ungewöhnlich, keine Provokation wie hierzulande leider anscheinend immer noch, wo zwischen Form und Inhalt offenbar nicht unterschieden werden kann. Mit der Akzeptanz von Nationalsozialismus hat das doch nichts zu tun und diese Wertschätzung hat auch ein George Lucas vor Jahren bereits verlautbaren lassen: für sein Star-Wars-Märchen hat er sie als Grundlage der „dunklen Seite“ verwendet, bei der gleichen feudalen Grundlage für die „guten“. Faschismus ist ohne Riefenstahl kaum darstellbar aus meiner Sicht. Faschismus als repräsentative Staatsform, das Verbrechen als Fiktion – vom Alltag bis zu „Festen“ – hat Pasolini in seinem letzten Film 1975 gezeigt. Doch wieso soll der repräsentative Faschismus automatisch positiv gemeint sein, und nicht bedrohlich? Ganz abgesehen von der Frage, worin überhaupt die Vorzüge eines Inhalts über die Form bestehen sollten.
Für mich sind solche Bilder immer bedrohlich. Das ist es dann auch was nicht gezeigt werden sollte? Die Bedrohung des Faschismus?

Andererseits kommt wiederum kaum eine einschlägige Sportübertragung im Fernsehen ganz ohne eine solche Ästhetik aus, dort sehr wohl positiv – als Mensch mit Behinderung halte ich eine solche Affirmation bei körperlicher Ertüchtigung schon für hinterfragenswert. Aber mir gefällt das manchmal auch, wenn vom 3m-Brett in Zeitlupe ins Wasser Turm-gesprungen wird. Na und?
Wenn Sie das futuristische Manifest Marinettis gelesen und sich mit Protofaschismus beschäftigt haben, werden Sie schnell feststellen, dass explizite Gewaltdarstellung dessen Sache kaum gewesen sein konnte – das hätte jeder „reinigenden Befreiung“ durch Gewalt, dem Krieg als „Hygiene“, so widersprochen. Das versehrte, die Opfer, darzustellen war immer eher Sache einer anderen, später politisch verfolgten Moderne – bis Darstellungen von Leid und Schrecken wiederum später vor allem im deutschsprachigen Europa beständig Affirmation unterstellt wurde, wenn es sich um die populäre Kultur gehandelt hat, und heute auch so wohl gemeint wird – vor allem in Deutschland – einer populären Gefahr dadurch noch entgegen treten zu können. Dieses entgegen-treten, oft noch so wie in Deutschland mit Verboten bis hin zum Strafrecht, und nicht bloß Ausblendung/Abwertung wie im Falle der Kleinen Zeitung, ist es dann auch, das ich schon eher den Vorwurf einer neuen kulturellen Sauberkeit mache. Und einer Fassade welche keine schmutzigen Bilder sehen will und hinter der die bekannten Abgründe lauern. Die können nämlich, wenn auch versteckt, weiterhin Alltag sein.
Was ist da schon gegen andere Körperdarstellungen zu sagen, welche einmal eben nicht „gesund“-schönes zeigen?

Auch dem Soldaten James Ryan wurde so unterstellt, der Film erfreue sich in seinen Anfangsszenen bloß an den Schrecken des Krieges. Sowie Schrecken und Leid gibt es auch bei den „Inglorious Basterds“ zu sehen, vorausgesetzt es wird nicht gleich als zynisch gemeint affirmativ interpretiert. Der Humor in einem solchen Film liegt aus meiner Sicht jedenfalls ganz woanders als in den Gewaltdarstellungen – was wiederum jedoch noch lange nicht bedeutet, dass man auch daran nicht seinen Spaß haben kann, vorausgesetzt die eigenen Moralvorstellungen werden hinterfragt und/oder zurückgenommen.
Und Spielberg, so wie ich ebenfalls seit vielen Jahren schon passionierter Videospieler, hat nicht nur Schindlers Liste verfilmt, sondern war auch an den „Transformers“ beteiligt.
Einem „Kriegsfilm für Kinder“, wie es oft heißt, womöglich gleich nachdem ein kritischer Film von Eli Roth als „Folterporno“ beschimpft wurde – was laut Roth, der ebenfalls in „Inglorious Basterds“ zu sehen ist, mehr über den Schimpfenden aussagt als einen Film. Dabei erinnere ich mich an die Werbung für ein Buch, die Sie in der Zeitung mal gemacht haben: wenn Peter Bürger über „Staatskunst“ aus Hollywood schreibt, so scheint er für mich eher eigene Gewaltfantasien in die Kultur Andersdenkender zu transportieren und diesen – Menschen wie mir – dann zu unterstellen, wofür er hierzulande „friedensbewegt“ noch Preise erhält. Aus meiner Sicht wäre das bereits nach einem Besuch auf dessen Homepage leicht nachvollziehbar, wenn er sich dort in einem autobiographischen Text kurz in die Rolle des Colonel Kurtz aus „Apocalypse Now“ begeben hat. Jemand, der Freude an Action- und Horrorfilmen, von Tarantino angefangen, hat, muss nicht so zynisch bis gewaltverliebt denken. Wirklich nicht. Derlei Unterschiede in der Wahrnehmung sind es dann auch welche nichts anderes als kulturelle Fremdenfeindlichkeit für mich darstellen. Und diese vermeintliche gesellschaftliche Urteilskraft ist es auch was ich kritisieren möchte.

Aber vielleicht muss da wirklich bei Null angefangen werden und erstmal (wieder) Toleranz eingefordert sein, denn wer kann so schon gegen kulturelle Diversität auftreten und gleichzeitig Gewaltverzicht sowie Friedfertigkeit fordern? Vorschreiben wollen was zu gefallen hat, ein Interesse an der fiktionalen Darstellung vermeintlicher Lebenswirklichkeiten gegenüber fiktive (Alp-)Träume ausspielen, und für ein friedliches, sowie respektvolles Miteinander indirekt plädieren?

Hochachtungsvoll, Jürgen Mayer

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2 Antworten to “Offener Brief an einen Autor der Kleinen Zeitung, anlässlich der Veröffentlichung des Kommentars „Quentin Riefenstahl“ am 23.8.2009 63”

  1. Wenn Frido Hütter die Welt erklärt braucht es keine Semiotik mehr… « Jürgen Mayer Says:

    […] Anderer „bildungsbürgerlich“ gerade in dieser Zeitung abgesprochen werden (können) ist mir nur bestens bekannt. Über mehr oder weniger wüste Beschimpfungen etc. Und vielleicht sollte man so die Zeichen der […]

  2. Amazon.de – Kritik an Marcus Stigleggers „Nazi Chic“ offenbar unerwünscht, ab in den „Trash“ damit | Der Almrausch Says:

    […] Basterds“ perfider Weise als Vorstufe zum Neonazitum taugen würden. In Anlehnung an von mir früher geführten Auseinandersetzungen scheint es vom „Quentin“ zur „R… so demnach wirklich nicht weit zu sein. Nachzulesen etwa bei der Deutschen Welle: „Warum […]

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