Wer erzeugt wo welche Kultur?

In einer Replique auf mich zu einem Kommentar, welchen ich hier verfasste http://www.gamestudies.at/ Ziehe es vor lieber nicht direkt dorthin zu verlinken, um Trackbacks hierher zu vermeiden, hieß es, dass der Zugang zu Medien im deutschsprachigen Raum sich grundsätzlich vom angloamerikanischen Raum unterscheidet: „Im angloamerikanischen Raum sieht man Medien als einen Spiegel der Kultur, in Kontinentaleuropa eher als Erzeuger von Kultur.“

Diese Unterscheidung ist naturgemäß keine Neuigkeit für mich, jedoch deren dort vorgetragenen Implikationen verschlagen mir die Sprache: daneben war dort nämlich noch von hier (in Kontinentaleuropa demnach) „gültigen kulturellen Normen“ die Rede, in deren Hinsicht ein Blog-Eintrag mit dem Titel „Gewalt-Pornografie in Modern Warfare 2“ – welchen ich massiv angegriffen und in Frage gestellt habe – formuliert gewesen sei. Wollte darauf dort jetzt nicht mehr eingehen, dermaßen fassungslos stand ich vor diesen Sätzen.

Abgesehen von einem bestimmten Kulturbegriff, ohne den mir solche Sätze gar nicht möglich erscheinen, denke ich: ja, auch so kann man etwas als „kulturlos“ umschreiben. Denn wer, wenn nicht Medien, erzeugt dort sonst dann „die Kultur“? Wenn „die Medien“ „die Kultur“ eher (nur) spiegeln? Und wenn es soetwas wie „die Kultur“ schon gibt. Von den Menschen selbst ist das ja wohl dann ebenfalls nicht anzunehmen, außer es wird ein wiederum höchst problematischer Medienbegriff zur Anwendung gebracht. Mit Rauchzeichen kommuniziert wird im angloamerikanischen Raum ja auch nicht mehr.

Da ist es womöglich gar nicht mehr so wichtig, dass derlei Sätze jeglicher Medienfeindlichkeit grundsätzlich einen Freibrief erteilen: weil ja so niemand tolerant zu sein hat anscheinend, gegenüber dem Ausdruck von anderen, wenn er oder sie mit den jeweiligen Erzeugnissen nicht einverstanden ist kann er oder sie ja immer noch selbst „Kultur schaffen“ und auf anderes nach belieben sozusagen drauftreten, es „Pornographie“ schimpfen, „pubertär“ – was weiß ich… Bis hin zur vollständigen Zerstörung dieser Ausdrucksformen eben, von ihrer Unterdrückung so angefangen? Verboten und Zensur? Etwas impertinent-ignoranteres ist mir in meinem Leben noch nicht untergekommen.

Weil „die Kultur“ ist das was demnach schon vorher da war, vor einer Videospielkultur in dem Fall wie ich sie verstehe – offen und pluralistisch, und so auch keine Sache von Vielfalt. Da braucht es keine Videospielkultur wie ich sie verstehe, sondern diese hat sich gefälligst an die etablierten Normen zu halten.

Solche Positionen sind nicht nur eine Gefährdung für den Pluralismus in einer Demokratie, soetwas nenne ich auch geistige Brandstiftung.

Wie opportunistisch das aus einer Position heraus noch ist, wie sie von dort vorgetragen wird und wurde, möge sich jede/r selbst noch dazudenken

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