Filmkritik: „Brüno“ (2009)

Von Arschwitzen gesegnet 9/10 Österreicher *****

Die weitgehende Verhaltung bis Ablehnung gegenüber diesem neuen Film des Duos Charles/Cohen finde ich schon bezeichnend: während sich beim fremden Rückstand Borats noch wohl zurücklegen gekonnt wurde, schafft es diese bombastische Programmierung ständig gleicher Szenen kaum bis gar nicht mehr als dass nur mit einem Dunstkreis der Verachtung dagegen geschlagen wird, umgeben von Vorstellungen über „Pornographie“: von Begriffen dazu bis zum „money shot“ (Ekkehard Knörer). Die eigenen Vorbehalte und Vorurteile, Jahrzehnte nach den kulturellen Sauberkeitsvorstellungen und den Tabus bis zu industrieller Vernichtung immer und weiterhin das gleiche, in einem meiner festen und tiefsten Überzeugung nach beständig fremdenfeindlichen deutschsprachigen Raum. Alles behutsam gepflegt in unzähligen Feuilletons.

Die angloamerikanische Welt war freundlicher, und in erster Linie richtet sich dieser Film ja auch nicht gegen Deutschtümer, geschweige denn gegen Österreich so wie Borat nichts gegen oder gar auch nur über Kasachstan wirklich sagte, sondern betrifft weiterhin vor allem den extrem grassierenden homophoben Alptraum Amerika, in dessen Herzen mit jeder gestellten Einstellung auch durchaus nahe zu kommen gescheint wird. Damit nähert sich Cohen mit dieser Figur auch in Bezug auf ein solches Amerika negativen USA-Bildern etwas weiter an, ein Amerika das mit diffuser Ablehnung (stereotypen) Fremdem in Borat ebenfalls bloß angedacht wurde.

Dagegen gefallen sicherlich die lieben Schwulitäten eines Michael Herbig, über die in Deutschland jeder lachen kann – selbstverständlich auch die tatsächlich schwulen Spießer in der Landschaft, welche in Wahrheit teilnahmslos anderen gerne alle möglichen Krankheiten andichten die sie in ihren Vorstellungen normal „funktionierender“ Menschen sich zu diagnostizieren womöglich im Stande sehen. Die halten Bru/üno wahrscheinlich selbstredend mit für „geschmacklos“. Wie widerwärtig und traurig ich das finde kann ich eigentlich gar nicht sagen.

Cohen gefiel mir bislang tatsächlich nur als Schauspieler (Sweeney Todd), den grundsätzlich harm-, sowie bissloseren Ali-G und Borat konnte ich nur wenig bis gar nichts abgewinnen: Bru/üno fiel mir aber schon im Fernsehen auf, und die Figur kommt hier tatsächlich formvollendet ausgebaut daher. Eine große Überraschung für mich.

Dabei sind es auch weniger Fernsehsendungen oder nur Bilder davon, welche die Satire des Films kennzeichnen – vielmehr ist es eine umfassendere Gesellschaftsdiagnose jenseits der noch familienfreundlichen Simpsons, wie ich sie bislang lediglich von der GTA-Videospielreihe her kannte.

Es gibt sogar kurze Momente ernsthafter Stille und des Dramas, etwa als Cohen vor einem Auditorium seinen finanziellen Einsatz für Projekte verkündete, hochdramatisch, an einer Stelle, als ein vermeintlicher Mexikaner wie ein Spanferkel zum 80er-Jahre-Starlet Paula Abdul hereingetragen wird, fühlte ich mich sogar an Pasolinis Salo erinnert.

So erhaben der Inhalt des Films somit sein mag, so bekannt ist dagegen dessen Form: wirklich nichts neues wird formal dieser semidokumentarischen Wundertüte aus fiktionaler Inszenierung von Wunderlichkeiten und realer Verwunderung bis in diesem Fall vor allem Abscheu hinzugefügt. Das macht den Film leider auch technisch absolut langweilig. Schade.

Kurzum: der Film, welcher einen Menschen zeigt, der den ganzen Film hindurch eigentlich niemandem etwas getan hat und doch beständig Ablehnung erfuhr, entlarvt soziale Regeln, pervertiert zu einem ganz alltäglichen Faschismus, und zwar durchaus glaubhaft im hier und jetzt – so gestellt können die einzelnen Szenen gar nicht sein. Ein überdreht Erfundener, und dennoch ein Mensch, welcher durch Umstände und Wünsche daran gehindert wird sein eigenes Glück zu verfolgen – gehindert von Normen. Mitunter möglicherweise mörderischen Normen

Rating 9.0

2 Antworten to “Filmkritik: „Brüno“ (2009)”

  1. buzzti Says:

    Ich war damals überrascht, wie leer der Kinosaal war, als ich in „Brüno“ ging. Besonders die Szene am Schluss hat mich beeindruckt – als diese „straight pride“-Veranstaltung aus dem Ruder lief… das zeigte Abgründe auf, wie man sie selten sieht.

    Dieser angebliche Al Aksa-Brigaden-Chef soll tatsächlich ein Gemüsehändler gewesen sein, der nun seinen Ruf vernichtet sieht – und Cohen auf 110 Millionen Dollor verklagt. http://www.welt.de/vermischtes/article5484696/Vermeintlicher-Terrorist-verklagt-Brueno-Darsteller.html

    Insgesamt ein nett provozierender Film – hätte gerne mehr davon!

    • pyri Says:

      Ich auch. Das Ende hat mir sogar am besten gefallen: da wurden bei so cagefights durch den Käfig mal die beiden drin vor den Leuten außerhalb beschützt… Danke für den Link!

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