Kommentar beim VDVC

Als Außenstehender aus Österreich, der trotzdem hier angemeldet ist, habe ich mich bislang mit Kommentaren sehr zurückgehalten. Hierauf möchte ich aber doch reagieren: ich tue mir einigermaßen schwer mit dem VDVC wenn es um den Umgang mit einem grassierenden Normdenken geht, das wissenschaftlich und medial (von öffentlich-rechtlichem Rundfunk angefangen) in Deutschland aus meiner Sicht bedenklich verbreitet wird. Und zwar nicht nur in diesem Bereich.

Das mag auf dieser Seite schon mit dem oben wiedergegebenen Plakat beginnen: „Computerspieler und trotzdem normal“ – als Mensch mit Behinderung verstehe ich das nicht.
Was ist dieses Drängen an eine Norm, woher rührt es und welchen Zweck soll es haben?

Dabei gedenke ich mit diesem Thema in Graz zu promovieren. Die Wahrnehmung von Gewaltdarstellungen ALS Gewalt und nicht Beschäftigung oder Auseinandersetzung MIT Gewalt ist hierfür zentral für mich.

Der Geschmack und das Empfinden wird bei so einer Wahrnehmung von medialem Ausdruck als Verbrechen eklatant eingeschränkt, sowie nicht nur das: schließlich geht es dabei auch um sehr persönliche Gefühle, Humor, Rezeptionen und nicht zuletzt ein Denken überhaupt, das so über einen missliebigen Ausdruck über bestimmte moralische Vorstellungen, Werte aus Realitäten auf Fiktionen übertragen etc., gefährdet wird.

Kein anderes Denken nämlich als von Staat, Gesellschaft oder sonst wen erwünscht wird. Und EIN Denken das beängstigend viel Zustimmung zu erhalten scheint, wie Veröffentlichungen des IDG-Verlages anlässlich von Modern Warfare 2 zuletzt gezeigt haben, sowie andere Äußerungen von Industrie und Spielepresse dahingehend aus der Vergangenheit, etwa von Boris Schneider-Johne über einen in Deutschland verbotenen Capcom-Titel.

Diesbezüglich geht es um vieles: das was gefällt, komisch oder witzig sein soll und was nicht, was „nötig“ ist und angeblich nicht wäre, usw. Was „Kultur“ sei und was nicht, welche Absichten (Intentionen) EntwicklerInnen hätten, teilweise unter die Gürtellinie in Richtung deren angenommener persönlicher Reife, usw.
Das heißt, es geht aus meiner Sicht dabei längst nicht nur um ein Publikum das irgendwie negativ angenommen wird, sondern gerade auch von Seiten einer normiert gedachten Spielergemeinschaft um Kreative (in Amerika oder sonstwo), das heißt um viele Ressentiments welche denen entgegengebracht werden.
Alles eindeutig negative Bezüge zu weitgehend unbekannten und damit fremden Lebenswirklichkeiten, und eben deren Ausdrucksformen. Über die sich gestellt und für etwas besseres gehalten wird.

Gerade Vorträge von so etwas als anscheinend legitim gedachte „Kritik“ und „Meinungen“ halte ich für problematisch.
Wenn es um (ethisch-religiöse) Herkunft und Hautfarben geht, auch die sexuelle Orientierung, haben solche „Meinungen“ in einem gegenwärtigen Deutschland schließlich auch keinen Platz (mehr). Derlei Vorträge in Richtung eines „guten Geschmacks“ erscheinen mir so auch wie ein Ersatz oder gar Ventil zu sein, wo so etwas (noch) verstärkt zugelassen wird – ja noch ermuntert wird. Dem Ansehen Deutschlands (im Ausland) scheint es ja nicht zu schaden – im Gegenteil gibt es von Italien, Großbritannien, der Schweiz und Australien angefangen auch in anderen Ländern welche als freiheitlich-demokratisch gelten viel zustimmenden Populismus dafür.

In deren Fernsehen mag mitunter nichts anderes berichtet werden als in Deutschland auch, dort bleibt das für gewöhnlich aber mehr oder weniger auch dort und übeträgt sich nicht in Gesetzgebungen oder auf „freiwillige“ Selbstzensur. Von Kaufhausketten die keine Spiele mehr verkaufen bis Publisher die bestimmte Titel scheinbar erst gar nicht versuchen wollen wegen derer Gewaltdarstellung in Deutschland zu veröffentlichen.
Ein deutschen Klima, in dem von einer „Kommission für Jugendmedienschutz“ Briefe an österreichische HändlerInnen mit der Drohung verschickt werden, diese zu indizieren.
In Australien, wo es (noch) gar keine Erwachsenenspiele gibt, können teilweise Spiele für Fünfzehnjährige angeboten werden, welche in Deutschland beschlagnahmt sind.

In anderen Bereichen wurde von deutschen Medienwächtern ein Land wie China auch schon offen als Vorbild gehalten, so etwa ein Programmchef beim Fernsehsender PHOENIX: http://www.derwesten.de/leben/games/hin … 24439.html
Von den Verbotsvorstellungen anderer Leute wie Norbert Schneider als Direktor der Landesanstalt Nordrhein-Westfalens ganz zu schweigen.

Vielfalt sehe ich so ebenfalls nicht für gegeben an, sogar eher für unerwünscht ja teilweise für zentral bekämpft.
Dabei wird sich meinem Eindruck nach leider zusehends verbeten, Vergleiche mit anderen Ländern zu Deutschland herzustellen. Deutschland sei, heißt es dann oft informell, aufgrund seiner Geschichte ein Sonderfall: als Kulturhistoriker erscheint mir gerade das paradox bis regelrecht zynisch, wenn an die kulturellen Sauberkeitsvorstellungen BEIDER Diktaturen und den Kampf gegen „Schmutz und Schund“ darin gedacht wird. Gesetze dagegen sind in Deutschland übrigens noch vermeintlich demokratische Kinder der Weimarer Republik gewesen und einen Schundkampf gab, sowie gibt es formell, auch in Österreich. Zensur ist hier aber auch schon seit Jahrhunderten mit Namen wie jenen Metternichs negativ verbunden, während es in Deutschland offiziell weiterhin heißt dass diese nicht stattfinde, trotz der relativ hohen Kosten welche Publisher für veränderte Versionen von Videospielen schon wohl oder übel ausgeben um mehr oder weniger ungehindert am deutschen Markt überhaupt „ab 18“ veröffentlicht werden zu dürfen, das heißt ein Kennzeichen der USK Erhalten.
Diese Einrichtung USK wird dann so auch nicht mit Zensur für gewöhnlich in Zusammenhang gebracht, das gleiche verbittet sich der weltweit einmalige Index samt dem tatsächlichen Gewaltdarstellungsverbot im Strafrecht, wofür die BPJM Schon Empfehlungen ausgibt, wo es nur noch in der Schweiz sonst ein ähnliches Gesetz gibt.

Leider sah ich bislang keine einzige Aktivität des VDVC Für eine Änderung dieser Situation, für ein selbstverständliches Recht auf affektorientierte Körperdarstellungen (Splatter und Gore) in Videospielen – in Hinblick auf E-Sport eher das Gegenteil davon.
In den USA Gibt es von der Free Speech Coalition angefangen viele namhafte Gruppen für Meinungs- und Ausdrucksfreiheit, in Deutschland tut sich der Kulturrat schon schwer eindeutig antifaschistische Videospiele als solche zu erkennen… Auf ein altes Interview mit deren Geschäftsführer Olaf Zimmermann in der Zeitschrift Gamestar Bezug nehmend. Wenn an nicht-konservative Angriffe darauf gedacht wird, wie den „Kölner Aufruf“, treten so im Gegenteil noch nachweislich diverse Antiamerikanismen dabei auf.
In den USA Geht es bei Diskussionen um Spieleverbote so auch niemals um Totalverbote, sondern um die Frage ob brutale Videospiele so etwas wie Pornographie sind oder nicht. Diesbezüglich gab es bislang nur relevante Urteile gegen diese Einschätzung: in Deutschland stellt sich die Frage gar nicht, wo sich gegen ein prüdes Amerika gelegentlich noch überlegen gefühlt wird, weil man mit Nacktheit weniger Probleme hat – dafür umso mehr wenn es um etwas geht das für Pornographie gehalten wird: allein schon weil jedes indizierte Videospiel wie Pornographie gehandhabt wird.

Eine politische Verfolgung von VideospielerInnen erscheint mir in Deutschland bei diesem Klima nichts anderes als evident zu sein, und das seit Jahren. Von einer Vielfalt an Meinungen kann dabei nachweislich keine Rede sein: es gibt in bestimmten öffentlichen Räumen gefühlt keine anderen Zugänge als negative zu Gewaltdarstellungen in Spielen, wenn wie beschrieben Gewaltdarstellungen als Gewalttätigkeiten wahrgenommen werden, keine Stimme so welche die Auseinandersetzungen mit Krieg in einem Call of Duty anders als affirmativ interpretieren würde. So als ob jeder Katastrophenfilm sich nichts anderes als Katastrophen herbeisehnen würde. Es sind praktisch keine anderen Interpretationen vielfach recherchierbar. Nichts als Unterstellungen perfidester Natur gegen Kreative und ein Publikum, Unterstellungen welche für mich ihrerseits bloße Menschenverachtung ausdrücken und als eigentliche psychische Gewalt gegen videospielende Menschen zu gelten hätten.
Solche Räume stellen eben sowohl große Zeitungen als auch traditionelle öffentlich-rechtliche und private Fernsehsender dar. Wenn positiv berichtet wird, wird die Gewaltdarstellung für gewöhnlich heruntergespielt oder ausgeklammert. Das tut meiner Ansicht nach auch der VDVC. Und neben Teilen der deutschen Spielepresse selbst auch Medienwissenschafter wie Mathias Mertens.
Im Zweiten Deutschen Fernsehen werden gewöhnliche Vorgänge in Resident Evil 5 Mit der sexuellen Gewalt des Marquis De Sades in Zusammenhang gebracht, völlig unwidersprochen und ihrerseits wie selbstverständlich. Ein natürliches überleben-wollen von Menschen in imaginierten Extremsituationen wird so mit Füssen getreten. Der „Killerspiel“-Begriff wird auf „Warcraft“-Titel ausgedehnt, ein „World of Warcraft“ soll allein aufgrund seines Suchtpotenzials keine Jugendfreigabe mehr erhalten, womit erstmals so ein Medium nicht aufgrund seines Inhalts eingestuft werden würde, in der Süddeutschen Zeitung wurde zuletzt sogar die Fußballsimulation FIFA als „Killerspiel“ darunter subsummiert:http://stigma-videospiele.de/wordpress/?p=3097 Der deutsche Bundespräsident spricht bei Gewaltdarstellungen schließlich noch von Schäden, welche ein „gesunder Menschenverstand“ verhindern könnte.

Schließlich gibt es beim Thema Nationalsozialismus auch eine schon seit Jahrzehnten währende systematische Geschichtsklitterung zu beobachten. So wurde aus „The Saboteur“ zuletzt „Saboteur“, und aus Hitler darin ein beliebiger (deutscher) Kanzler, der ökonomischen Einfachheit halber auch hier in Österreich. Alles weil Videospiele in Deutschland über keine Sozialadäquanz verfügen würden: meine Frage dabei wäre, was politische Verfolgung ansonsten sei als wenn etwas schon nicht einmal für sozial adäquant gehalten wird!??

Eine Sozialwissenschaft welche auf Basis mechanistischer Menschenbilder von Stimulus und Response die individuellen Rezeptionen von Gewaltdarstellungen weitgehend ausklammert, und anstatt von Inspirationen von „Wirkungen“ oder „Auswirkungen“ so spricht, wäre darüber hinaus nicht die erste wissenschaftliche „Leistung“, welche Bevölkerungsgruppen und deren kulturellen Ausdrücke in Deutschland damit diffamiert. Soll heißen: wenn eine Katharsistheorie wissenschaftlich diskreditiert ist, weshalb gilt das dann nicht auch für ihr ideologisches Gegenstück zu einer mechanistischen Wahrnehmung von Medien durch Menschen, und im Gegenteil wird gerade von derlei „Auswirkungen“ in einer diffamierenden Berichterstattung nur allzu gern gesprochen dem Vernehmen nach, und Wissenschaft so als Ersatz für die Durchsetzung von Moral oder was halt jeweilig dafür gehalten wird, missbraucht.

http://vdvc.de/

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: