Wann ist etwas „reprehensible“ (verwerflich)? Und wann nicht?

Angeregt durch Adam Sesslers Hinweis (Eintrag Soapbox) hatte ich letzte Nacht mal wieder Roger Eberts Rezension von Meir Zarchis misanthropischem „Ich spuck auf Dein Grab“ (I Spit on your Grave/Day of the Woman) von 1978 gelesen – in Chicago wurde der Film anscheinend erst zwei Jahre später skandalisiert. Chicago Sun-Times. Wie dem auch sei: Sessler, der ja nie verlegen zu sein scheint für die Kulturform dieses Jahrhunderts etwas tief aus der Kulturgeschichte des vorangegangenen zu bemühen, erinnerte sich. Und zu Recht! Nicht nur Eberts Leugnung von Videospielen als Kunst betreffend, sondern auch bezüglich seiner aktuellen Ablehnung von „Kick-Ass“. Eberts Kritik zur Comic-Verfilmung von Matthew Vaughn: dabei muss ich sagen, dass ich beide Filme, sowohl den Zarchi-Film als auch „Kick-Ass“ noch nicht gesehen habe. Dafür sah ich das wie der Zarchi-Film in Deutschland zum Beispiel ebenfalls verbotene „Letzte Haus links“ (The Last House on the Left) von Wes Craven (1972) schon mehrmals, für das Ebert als „Rape & Revenge“-Film in der Nachfolge von Bergmanns „Jungfrauenquelle“ bekanntlich eher lobende Worte fand.
Bei meinen Recherchen bin ich nun auf ein interessantes informelles Detail gestoßen, wonach die Vergewaltigungen in beiden Filmen so unterschiedlich bewertet worden sein sollen, dass die Vergewaltigung bei Craven „inszeniert“ gewesen sei, bei Zarchi hingegen „glorifiziert“ – was mir wiederum die absolute Willkür solcher Interpretationen von Fiktionen vor Augen führt. Wie und weshalb diese auch immer so rezipiert wurden: fest steht, dass über die beiden Schauspielerinnen welche bei Craven die Opfer gespielt haben nur wenig bekannt ist. Sie, oder zumindest eine von beiden, soll später noch kurzzeitig für Pornofilme gearbeitet haben – „Last House“ selbst wurde ja auch schon in diesem Umfeld produziert -, mehr weiß man aber fast schon nicht: die Legendenbildung um diesen (ehemaligen) „Video Nasty“ in GB formte jedoch sehr wohl eine ziemlich unappetitliche Geschichte darüber wie „nah“ die Vergewaltigung an einer Realität angeblich gewesen wäre – was über die Herstellung des Zarchi-Films meines Wissens nach keineswegs kolportiert wurde oder wird.

-Nachtrag:
Das Opfer bei Zarchi wurde von Camille Keaton dargestellt. Diese war mit dem Regisseur verheiratet, sowie ist mit Buster Keaton verwandt und heute die Witwe des Ex-Manns von Judy Garland, Sidney Luft. Ihre Karriere ist ganz gut dokumentiert

Dieser Film und seine Perzeption soll hier aber nicht weiter das Thema sein, dazu empfehle ich immer noch Carol J. Clovers exzellente Analyse von 1992 (Männer, Frauen, und Kettensägen). Amazon, unbezahlte Werbung.

Was mir jedoch vor allem auffiel bei Ebert, dessen Wahrnehmung dieses Films, als auch des aktuellen „Kick-Ass“ in dem es zwar nicht um Vergewaltigung geht, dafür gewalttätig( gemacht)e Kinder – ein anderes Tabu sozusagen, jedenfalls fernab negativer Medienwirkungsforschung: beide Film-Fälle lehnte Ebert mit dem Wort „reprehensible“ (verwerflich) (moralisch) ab. Also einen Mainstream-Film von heute ebenso wie einen Untergrundhorror von vor dreißig Jahren
Nun sind solche Moralisierungen und Bewertungen hierzulande ja nichts ungewöhnliches, wo einem diese bei Gewaltdarstellungen und auch zu expliziter Sexualität ja leider fast schon auf Schritt und Tritt begegnen, samt Anfeindungen, übelsten Unterstellungen, usw. Was hier, im Falle Deutschlands und der Schweiz bei Gewaltdarstellungen zumindest noch gesetzlich durchgesetzte Gewalt dagegen ist, sieht in einem Land mit größerer libertärer Tradition aber für gewöhnlich ganz anders aus: unbegründet kommt man dort damit nicht so einfach durch ohne sich zumindest lächerlich zu machen. Moralische Überlegenheitsdünkel ziehen außerhalb eines gewissen Puritanismus, der wiederum hierzulande gerne den Amis noch vorgeworfen wird, einfach nicht. Und ja, es gibt auch so etwas wie einen Gewalt-Puritanismus aus meiner Sicht.
Während man hierzulande noch eingebildet als liberal gelten kann, wenn man Andersdenkende diesbezüglich am liebsten gleich einsperren möcht oder mit totalitären Ideologien zusammenbringt bevor man sie gleich „Nazi“ schimpft – wahrscheinlich weil man mit den eigenen dunklen Seiten nicht so gut zurecht kommt -, sind derlei normierte Vorstellungen die womöglich selbst auf noch immer unbearbeitete, historische Abgründe verweisen in Gefilden mit größerer Tradition individueller Freiheit und geringerer Bedeutung bürgerlicher Interessen (politisch links wie rechts – siehe den Perfect Storm gegen „Killerspiele“) weniger anzutreffen.

Zweiter Nachtrag: zu einer (weiteren) aktuell negativen Wahrnehmung von „Kick-Ass“ siehe auch diesen vorangegangenen Blog-Eintrag von mir <–

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