Jugend und Computer – zur WELT und dem Deutschen Computerspielpreis 2010

Bei Stigma Videospiele

Ich muss leider schon sagen, dass auch dieser Journalismus welcher sich noch als der aufgeschlossenste diesbezüglich vorstellt, wohl Teil des Problems ist, wenn selbst in diesem Artikel die Industrie noch als geldgeile, sich einmischende Lobby dargestellt wird.
Wenigstens hat man offenbar mal versucht da Widerstand zu leisten, Widerspruch anzumelden und wen mal angerufen gehabt: was wäre denn Lindemann lieber, dass dieser Preis tatsächlich praktisch ein Jugendpreis bleibt und die Mär vom Kindermedium nur noch weiter fördert. Wenn schon nicht ein Thomas Lindemann selbst, so sitzt halt ein Christian Stöcker vom SPIEGEL dort auch mit in der Runde. Und bestimmt die Preisträger mit. Oder ein Heiko Gogolin, eine Petra Fröhlich oder sonst wer aus der Spielepresse. So ist das nämlich auch vorgesehen. Ruhig? Das Personal scheint für viel Widerstand gewöhnlich ja nicht vorhanden zu sein – etlichen bereits bestehenden Verboten fast noch zugenickt zu werden von Seiten eines Mainstreams, dieser Industrie und einer deutschen Spielepresse
„Dragon Age: Origins“ ist ein Titel der sich mit vielen und unterschiedlichsten gesellschaftlichen Problemen auch auseinander setzt, von Rassismus bis sexueller Ausbeutung. Und jedes Jahr erscheinen solche Spiele.
In Großbritannien kein Problem, dass die BAFTA Games auszeichnet ist seit „Conker’s Bad Fur Day“ jedesmal ein Grund zur Freude. Die Preisvergaben dort sind wirkliche Indikatoren für Qualität. Und was ist mit diesem deutschen Preis? Abgesehen von der Kinder- und Jugendproblematik ist es ganz einfach auch ein ergreifender nationaler Preis. Ich kenne keinen anderen Preis in Deutschland der international gängiges so ausschließen würde. „Deutscher Computerspielepreis“ – ist das „deutsch“? Wirklich? Internationales so zu behandeln. Ausländische Errungenschaften, wenn schon tatsächlich in Deutschland selbst sich nicht viel mit Gewalt auseinandergesetzt wird. Das ist schlicht und einfach kulturelle Fremdenfeindlichkeit welche hier am Werk ist, doch niemand scheint auch nur im Ansatz das in diese Richtung so zu denken wie ich: das für lächerlich halten oder sich noch darüber zu empören, weil ich dadurch anderes angeblich „ungeheuerlich verharmlosen“ würde. Ungeheuerlich ist diese fremdenfeindliche Ignoranz: da wären keine „Gewaltspiele“ heißt es. Was soll der Unsinn? Bestimmt Herr Lindemann was ein Gewaltspiel ist und was nicht?
Diese kulturellen Sauberkeitsvorstellungen deuten zudem weiterhin auf abscheulichste historische Abgründe, inklusive Menschenverachtung. Die Verachtung fremder Kreativer.
Und wenn die Gewalt gewisser Normvorstellungen autoritätsgläubig weiterhin nicht hinterfragt wird, wird das noch immer schlimmer werden, solange „Kultur“ ein sauberes Soll bleibt, das den ganzen Schmutz und „Schund“ nicht nur am liebsten unter Teppiche verstecken würde, sondern wohl auch darauf dann noch am besten so herumgetrampelt wird bis das ganze unerwünschte Zeug völlig aus dem Sinn ist
Die Industrie sollte sich im Gegenteil von diesem Staat distanzieren und in Karlsruhe, Straßburg oder Den Haag gegen diese Zustände eine Klage nach der anderen einreichen. Deutschland ist Mitglied der Europäischen Union und hat sich bestimmt auch anders zu gewissen Standards Ausdrucksfreiheit betreffend verpflichtet, hier hat der Staat (auch) eine Verantwortung zu tragen. Der Preis erfolgt schließlich in dessen Namen

Zwei Nachträge von dort zur Festigung für hier noch:

@Yoshi128
Ja ich mein das eigentlich immer so wie Vicarocha schon schrieb. Und vielleicht bin ich da auch selbst Schuld wenn man mich falsch versteht, aber andere Worte fallen mir dazu oft leider nicht (mehr) ein.
Es ist vielleicht eher zufällig, dass man das so einordnen kann – also in “national” und international: so lässt sich dies etwa auch an der Zusammensetzung von G.A.M.E. und BIU erkennen, wer von der Industrie da wo vertreten – organisiert – ist.
Hollywood sprach ja auch Lindemann in seinem Text an: ich sehe das so, dass man über einen Tarantino halt nicht hinwegsehen kann – es sich gewissermaßen nicht leisten kann da keinen Diskurs zu führen oder den gleich nur in Bausch und Bogen abzulehnen. Dafür kann es sich ein deutscher Feuilleton sehr wohl leisten, und tut es auch, über besonders brutale französische Genre-Filme etwa überhaupt keinen Diskurs zu führen. Die werden auf Videos schnell indiziert, wenn schon nicht beschlagnahmt, und gibts dann auch gleich gar nicht mehr – obwohl sie vielleicht politisch durchaus sehr relevant sind und auch entsprechend produziert wurden

Ich sehe da Deutschland vielleicht wie eine Insel: was von außen kommt und zu gewaltdarstellend ist wird abgelehnt. Und da das was man sich international leisten kann – wenn sie etwa Lars von Triers “Antichrist” nicht gefördert hätten, mit der Begründung dass der Trier ein filmischer Gewalttäter oder was wär: das wär international kaum ohne Aufsehen geblieben nehm ich mal an. Weil Lars von Trier nunmal eine europäische Größe als Kulturschaffender ist. In fast jeder positiven deutschsprachigen Rezension zu “Antichrist” habe ich zudem immer einen Grundtenor gelesen: der Film sei zwar sehr brutal, aber eben auch nicht “selbstzweckhaft”. Immer das gleiche: in einer anderen Sprache gibt es das Wort “selbstzweckhaft” so gar nicht meinem Vernehmen nach. Das taucht da nirgends auf, aber in Deutschland begründet man so gewisse Einstellungen gegenüber (ansonsten) unliebsamen Darstellungen scheinbar jeden Tag.
Indem man von “selbstzweckhafter Gewalt” spricht und diese nach belieben verortet oder halt nicht.
Auf der deutschen Insel selbst wird sowieso nicht soviel in diese Richtung produziert oder entwickelt. Das sind eher Ausnahmefälle. Und es gibt ja auch die Stimmen, welche einem “Drakensang” noch die Bildung gewalttätiger Banden vorwerfen…

Nachtrag: die “ausländischen Errungenschaften” und die Feindseligkeit gegenüber den fremden Kreativen von denen ich schrieb, deren vielfach angeblich feststehenden Interessen – Geld, “niedere” Instinkte aus persönlicher Unreife, sonstige unerwünschte und eingebildete (Gewalt-)Obsessionen, vornehmliche “Barbareien” – müssen nicht im Ausland liegen. Die können zum Beispiel auch in Berlin hausen. Bloß: wer gibt denen dort ein Geld? Wie können sie in Berlin ein “Splatterhouse” entwickeln zum Beispiel. Das wäre vielleicht auch mal zu fragen – und so hat die Industrie in Deutschland schon ein Biotop geschaffen das manches vielleicht monetär auch gar nicht mehr möglich macht. Also ohne gewisse Unterstützung: auch was Startup-Firmen betrifft. Welche deutsche Bank gibt einem Jungunternehmen schon Geld für die Fertigstellung eines Spieles, von dem anzunehmen wäre dass es zumindest indiziert werden würde? “Manhunt 2″ wurde teilweise in Wien entwickelt. Hier in Österreich geht das (noch): bei Rockstar Vienna, jetzt schon lang geschlossen. Welcher internationale Hersteller wie Take 2 würde sich in Berlin so engagieren? Ich glaube kaum einer. Da kommt es doch auch auf ein gewisses politisches Klima an

Abschließend vielleicht noch ein paar Gedanken zu international renommierten deutschen Spieleschmieden: ich glaub dass Crytek Deutschland noch nicht vollständig verlassen hat hängt auch damit zusammen, dass sich da woanders vielleicht nicht so wohl gefühlt wird wie in Frankfurt. So vernehme ich bei jedem Video-Auftritt von Cevat Yerli viele Stimmen in anonymen Kommentaren von Foren, dass man ihn in den USA etwa nicht versteht, weil sein Englisch angeblich so schlecht wär oder was.
Andere wie Julian Eggebrecht haben Deutschland hingegen schon früh verlassen und sich mit ihrer Firma (Factor 5) auch zehn Jahre in den USA halten können zum Beispiel
Viele andere international wirklich große Erfolgstories gibts ja schonmal gar nicht – die meisten deutschen Spieleschmieden produzieren auch eher für den deutsch(sprachig)en Markt
Es hat anders als aus dem Nachbarland Frankreich (Atari, Ubi Soft) es auch noch kein deutsch(sprachig)er Publisher es geschafft sich international wirklich zu etablieren. Blue Byte wurde vor fast zehn Jahren jetzt schon von Ubi Soft geschluckt und die schicken heute eine über Microsoft arbeitslos gewordene Legende wie Bruce Shelley hierher um “Die Siedler” aufzupeppen…

Nachtrag vom 29.4.2010:

@Thomas
Gerade Leute mit solch elitären Einstellungen sind aus meiner Sicht das Problem: Reich-Ranicki hat schon Roches “Feuchtgebiete” irgendwie nicht als Literatur gelten lassen wollen und sprach von “Pornographie” – vor zig Jahren regte sich dieser auch über Texte der heutigen Literaturnobelpreisträgerin Jelinek im Fernsehen furchtbar auf, vor allem über deren selbst proklamierten “Anti-Porno” “Lust”. Seine Ablehnungen häufiger Verwendug des F-Worts mag auch in anderen Fällen bereits an amerikanische Zustände erinnert haben Wertkonservativ durch und durch. Der hat auch eine gewisse Vorliebe für bürgerliche HeldInnen, wohl als Fan von Thomas Mann, und will proletarischere Milieus etwa nicht in erzählenden Rollen haben

Nein, wie man wie Reich-Ranicki als leuchtendes Beispiel schon immer nur das Eigene sehen will und auf das Fremde herabschielt, wird sich da nichts ändern – jedenfalls solange nicht, solange es auch überhaupt kein Bewusstsein für das Fremde und Eigene gibt und man bei einer Rede vom Fremden ernsthaft noch immer glaubt, man meine damit “Ausländer” oder so: die eigenen moralischen Überhöhungen so unangetastet bleiben, weil gegen dieses Fremde hat man naturgemäß nichts – der Fremde und die negative Beziehung zu dem kann jedoch ein Nachbar, zu einem Nachbarn, ebenso sein wie ein Verwandter, zu einem Verwandten, darstellen – ja noch ein Freund sein über dessen Geschmack und Empfinden womöglich auch hergezogen wird – als “krank”, “los”, “pubertär” oder sonstwas. Sonstwie gefährlich möglicherweise noch dazu – als potentiellen Attentäter. Solange die Gewalt des Normalen auch regiert, noch ungeachtet einer Ausdruckskraft und -macht der Eliten (als Gäste im Fernsehen, Chefs von “Meinung” in großen Tageszeitungen) und ein “normaler” Jugendlicher etwa eben nicht CS oder Battlefield, sondern Fußball spielt.

Gestern Abend wurde mir die Absurdität von Einschätzungen bezüglich dem Gewaltdarstellungsverbot als strafrechtliches Vergehen auch wieder deutlich: ich spielte das dänische USK-18-Spiel “Kane & Lynch” von 2007 und in der vierten Mission müssen der eitle und der psychotische Verbrecher auf die Strassen und Highways einer Stadt fliehen – mit dem Ergebnis dass sie dort auch den Verkehr zum erliegen bringen. Die Polizei mischt sich ein, doch unter den PolizistInnen finden sich auch immer wieder die (zivilen) Insaßen der Fahrzeuge, welche ziellos umher irren oder herumstehen und sich teilweise vor den Verbrechern verstecken. Dabei können durchaus Szenen entstehen die an “No Russian” aus “Modern Warfare 2″ (MW2) erinnern, wohl verstärkt noch durch eine ähnlich kühl-naturalistische Ästhetik. Der Psychologie der Täter, als der Lehre von deren Psyche, zufolge unterscheidet das Spiel nicht im geringsten zwischen Polizei und Zivil-Bevölkerung: im Falle von MW2 hat diese Nicht-Unterscheidung bekanntlich zu den Maßnahmen gegen das Spiel geführt.

Und das soll ein “ethischer Diskurs” sein? Ein ethischer Diskurs wird so höchstens verhindert! Durch die Gewalt eines Staates. Wenn verhindert wird, dass man sich etwa selbst ein Bild machen kann und auf solche Zusammenhänge wie ich sie gerade beschrieben habe hinzuweisen. Das ist bestenfalls ein “unethischer Diskurs”, und zwar eben über den betreffenden Staat geführt

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