Badete Theo Lingen regelmässig in Blut?

Kommentar bei „Stigma Videospiele“

@Nikolas
Die Konsequenz aus dieser Geschichte sollte aus meiner Sicht allerdings in Weltoffenheit bestehen, und zu dieser Weltoffenheit gehört eben auch den Geschmack und das Empfinden anderer zu tolerieren, wenn schon nicht akzeptieren.
Weltoffenheit bedeutet dabei nicht, wie mir ein Grün-Politiker aus Baden-Württemberg letztes Jahr einmal absurderweise nahe legen wollte, kein Verständnis für etwas zu haben, etwas noch zu verbieten, sondern halt offen zu sein: zum Beispiel gegenüber dem Humor anderer Menschen. Auch in der Zeitschriift GEE stand einmal, dass ein Dead Rising in England irgendwie noch unter Humor fällt, wenn schon nicht Humor ist, und da stellt sich für mich zum Beispiel schon die Frage: soll der englische Humor in Deutschland verboten werden?
Darüber hinaus: was bedeutet es sich über Gewaltdarstellungen zu erheben, eine solche Überhebung impliziert doch stets auch ein gewisses Gefühl der Überlegenheit – ja leider doch notgedrungen? Wer sich da wo empört, der wird sich doch notgedrungen für etwas besseres halten? Und wo bitte ist sich für etwas besseres halten ein Kennzeichen von Demut, wenn diese gewaltphobe Situation eine angemessene Reaktion aus der Geschichte sein soll?
Welche Erinnerungskultur ist das?
Sowie: wie sah die deutsche populäre Kultur aus, die – wie Georg Seeßlen zum Beispiel sagt – sich in der Nazizeit leider konstituiert hat. Badete ein Theo Lingen etwa regelmässig in Blut? Nein. Das ist doch nicht wahr.
Die populäre Nazi-Kultur, der Ufa-Unterhaltungsfilm zum Beispiel – abgesehen der bekannten Propagandafilme, der sah doch ganz anders aus als ein Dead Rising oder ein Tanz der Teufel: der war doch weit eher so wie man es auch von seichter Unterhaltung heutzutage her gewohnt ist. Ein bisschen melodramatisch, ein bisschen komisch – weitgehend belanglos. Bloß nicht aufwühlend. Eben eher HARMLOS.
Und wie sieht das Programm von Daily Soaps, Telenovelas, Comedy, heute etwa aus? Das bei Carmen Nebel?
Wie mit mehr Belang? Mit mehr Bewusstsein für das Leid Obdachloser auf den Strassen etwa? AsylwerberInnen? Wie viel AsylwerberInnen tauchen regelmässig bei Carmen Nebel zum Beispiel auf? Wieviele Tiere, welche in der fleischverarbeitenden Industrie leiden?

Also was ist da Unterhaltung? Wie unterscheidet sich diese Unterhaltung von jener unsäglicher Zeiten? Welche Gefühle von Sicherheit, moralisch zum Beispiel zu wissen was das richtige ist, gibt ein Tatort? Auch die Lindenstrasse, dieses einmischen in das Leben anderer Leute, hat sich in den letzten Jahrzehnten meiner Ansicht nach ganz stark der Ästhetik von Seifenopern angepasst.
Also wie ist hier über das Beispiel Fernsehen eine andere Unterhaltung geformt wurden? Ich sehe sie nicht.

Von tatsächlich auch als solcher erkannter faschistischer Kunst in der Nazizeit ganz zu schweigen.
In der “Unterhaltung” bewegte sich ja noch, wie etwa Lingen, oder auch ein Rühmann, eine ganze Menge Widerstand zwischen Opportunismus hin und her.
Ich will jetzt nicht noch “Wetten, dass” analysieren oder auf die volkstümliche Unterhaltung eingehen, das Erbe von “Kraft durch Freude” etc., aber das sollte einem doch zu denken geben

Exklusiv für hier: vergleiche mit Seeßlens Faschismus in Bildern von 1996
„Eines der großen Probleme für Geschichte und Kritik der populären Kultur in Deutschland ist der Umstand, daß ihre Entwicklung und Blüte in die Zeit des Nationalsozialismus fielen. Das Bild und die Bewegung, der Blick und die Wahrnehmung haben im deutschen Faschismus nicht eine perverse Verirrung erfahren, sind nicht bloß von einem sozusagen unschuldigen Zustand zum Bösen verführt worden, sondern haben vor allem dort ihr Wesen und ihre Form gefunden…“

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2 Antworten to “Badete Theo Lingen regelmässig in Blut?”

  1. Christiane im Wunderland « Jürgen Mayer Says:

    […] @eisjok Der Blick ins Ausland wird deshalb nicht unternommen, weil man meint, Deutschland hätte aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung dahingehend Gewaltdarstellungen abzuwehren. Meiner Erfahrung nach wird die jetzige Situation so auch oft überhaupt nicht als weniger liberal wahrgenommen und empfunden. Der entsprechende Paragraf im Strafgesetzbuch wird dahingehend oft leider noch immer mit Antifaschismus zusammengebracht – was aus historischer Sicht eine naturgemäß besondere Fragwürdigkeit darstellt. Einerseits bezüglich historisch gegebener kultureller Sauberkeitsvorstellungen, und abgesehen von Gewaltdarstellungen gibt es ja eine fast ebenso aggressive Gesetzgebung gegen Pornografie, welche diese im Internet zum Beispiel auf deutschen Servern am offen herumliegen praktisch völlig hindert, andererseits weil die populäre Kultur des Nationalsozialismus keineswegs aus Splatterfilmen bestand. Ein Theo Lingen badete da nie im Blut‘ […]

  2. Friedensbewegter, realistischer Hass – hiesiger Kommentar zu neueren Veröffentlichungen bei der Süddeutschen Zeitung (SZ) « Jürgen Mayer Says:

    […] demokratiepolitisch höchst gefährliche Vorstellungen von Gesundheit und Sicherheit bewegt. Doch Theo Lingen badete eben nicht regelmässig im Blut in früheren Unterhaltungsmedien. Das kann kein päjorativer Unterhaltungsbegriff je auch nur einigermaßen begründet behaupten, […]

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