Videospiel-Kritik: „1378 (km)“ (2010)

Warten auf ein Loch 2/10 Grenzöffnungen *

1378 (km)“ von Jens M. Stober ist eine Half-Life-2-Mod für den PC (Microsoft Windows via Steam) wie es schon „Frontiers“ eine gewesen ist: im Prinzip ein simples Deathmatch mit abgeänderten Regeln. Flüchtlinge sollen an der deutschdeutschen Grenze von A nach B gelangen während (männliche) Grenzer sie dabei aufzuhalten gedenken. Auch mit Waffengewalt, welche der Titel in moralischer Überhöhung für nicht in Ordnung erklärt – so sehr historisch oder an den EU-Außengrenzen gegenwärtig politisch falsch beziehungsweise ein (revisionistischer) Euphemismus das auch immer sein mag.

„1378 (km)“ ist aus meiner Sicht jedenfalls keineswegs in der Lage historisches Unrecht zu vermitteln – im Gegenteil eher (bloß) historische Beliebigkeit, wenn man so will: auf der negativen öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland aufbauend wird so Ressentiment-beladen ein (weiteres) Anti-„Killerspiel“ inszeniert, und zwar – das ist für mich besonders problematisch – in Form eines kompetitiven Shooters. Wie dem eines einfachen Deathmatch eben, denn am Ende wird stets „abgerechnet“, eine aus dem E-Sport bekannte Bilanz gezogen, etwa auch in Form eines „Mauerschützenprozesses“ fiktional Jahre später, über Statistiken mit Zahlen.
Wie es Erklärungen nahelegen soll bei „1378 (km)“ dramaturgisch über einen Einsatz von „Läuterung“ eine entsprechende Reaktion im spielenden Publikum erreicht werden – weshalb dies jedoch ausgerechnet über eine formale Sport-Konstellation erfolgt ist bleibt mir rätselhaft. Zwar kann auch in jeder Partie „Counter-Strike“ ein Narrativ festgestellt werden, doch in jeder anderen Partie wiederum ein Anderes. Das Medium konnte da, und das schwingt in den Erklärungen irgendwie auch mit, eigentlich nicht betreut werden und der anscheinend ebenfalls so leider begrenzten Sicht des Autors über „gewinnen“ oder „verlieren“ als Eigenschaft von Spielen offenbar (zu sehr beziehungsweise allein) vetraut

Es gibt so viele Computerspiel-Genres welche Botschaften eher vermitteln könnten als die Beliebigkeit eines kompetitiven Multiplayer-Shooters – vom Point’n’Click-Adventure über (kooperative) Rollenspiele bis hin zu Singleplayer-Shootern. Denn eines scheint ja wohl klar zu sein: „1378 (km)“ möchte etwas erreichen – so verhöhnt es aus meiner Sicht jedoch nur. Opfer und Geschichte
Auch wenn die Verantwortlichen es womöglich leugnen wollen: noch das einfachste Deathmatch ist vor allem auf eines fundamental angewiesen – Gleichberechtigung. Doch gerade diese wird hier eben nicht hergestellt, kann sie auch nicht, war historisch ebenfalls nicht gegeben.
Gleichberechtigung ist hier tragischerweise offenbar eher ein Programmfehler, denn anders als in „Frontiers“ können Flüchtlinge hier anscheinend schnell doch Waffen aufnehmen und Andere damit erschießen. Kommen damit aber ebenso wie die Grenzer vor einen „Mauerschützenprozess“. Absurd dies so zu verhandeln, auch wenn es historisch Tote auf beiden Seiten gegeben hat.

Das war auch in meinem Anspielen vorhin gleich so der Fall: Ohnmacht tut sich da schnell breit und auch ein Widerwille sich damit weiter zu beschäftigen, jedenfalls in mir, weil man es eben besser weiß, auch aus Jahrzehnten (anderer) Videospielerfahrung.
Eine Waffe wird denn Republikflüchtligen anders als in „Frontiers“ dem DDR-Szenario entsprechend auch nicht in Form eines Geld-Jokers beispielsweise in die Hand gegeben. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes auch hilflos. Auf den öffentlichen Servern ergibt sich dann mitunter ein abgründiges Bild: jemand singt lautstark die erste Strophe der deutschen Hymne während auf alles und jeden geschossen wird. Dass das Spiel so womöglich noch im Gegensatz zu anderen, den wahren „Killerspielen“, ethisch nicht angreifbar wäre, ist eine Behauptung welche ich dermaßen ungeheuerlich empfinde dass sie mich eigentlich nur noch sprachlos machen sollte. Jedes in Deutschland noch strafrechtlich verfolgte Erzeugnis der internationalen Videospielindustrie halte ich für ethisch wesentlich vertretbarer und meiner persönlichen Moral auch mehr entgegenkommend. Soviel zu „1378 (km)“ im Verhältnis zu anderen „Killerspielen“.

Und sich gegen Grenzer wehrende Flüchtlinge scheinen dabei eben nicht vorgesehen zu sein, wobei den Flüchtenden bloß eines übrig bleibt: zu warten bis sich in den Zäunen (Bild unten) offenbar über einen Generator ein Loch auftut um hindurch schlüpfen zu können. Das wars.

So kann ich als Positiva lediglich das satte Dunkelgrün der Wiesen und die gelungene, sich naturalistisch zurücknehmende Architektur der Mod nennen – neben der durchaus auch gelungenen Aufmachung.
Jeder der wie ich schonmal in der Gegend Deutschlands gewesen ist wo früher einmal die Grenze verlief wird die Trostlosigkeit zwischen den Zäunen, am Todesstreifen, so vielleicht auch bekannt vorkommen. Ein Stück Erinnerungskultur zweifellos, aber aus meiner Sicht ein so leider auch denkbar Schlechtes.

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