Hätten Deutsche die „Bulletstorm“-Demo spielen dürfen weil es Herr Boris S.-J. aus der Xbox-Abteilung rausgeschafft hat?

Seit Tagen wurmt mich diese Frage.
Und jetzt bin ich noch auf ein altes Statement Schneider-Johnes gestoßen, eine Verteidigung seiner selbst bezüglich Angriffe auf ihn in Leserbrief-Seiten. Statement: „Unabhängig recherchieren. Dann kriegt man raus, daß es eine weltweite Microsoft-Richtlinie ist, in jedem Land nur Spiele für Xbox 360 veröffentlichen zu lassen, die eine dort geltende Alterseinstufung bekommen haben. Diese Richtlinie hat die Microsoft Corp in USA gemacht und in die Publisher-Verträge geschrieben. Und niemand in Deutschland.“

Das war 2008. Die „Bulletstorm“-Demo ist bekanntlich am Dienstag, den 25. Jänner 2011 am Xbox LIVE-Marktplatz (weltweit) erschienen. Ab einen Tag später auch nach und nach auf den Sony-Marktplätzen. Dort würde man auch nicht erwarten, dass sie am Deutschen anzutreffen ist. War sie wohl auch nie. Die „Bulletstorm“-Demo ist zwar mittlerweile auch vom deutschen XBL-Marktplatz wieder verschwunden, aber an dieser Richtlinie hat sich afaik nichts geändert.
Nun gibt es da noch die „Crysis 2“-Beta und bei der steht auch kein USK-Kennzeichen dabei. Findet sich auch nichts in der USK-Datenbank. Die soll es ebenfalls immer noch geben am Marktplatz: bei Titel wie „Crysis“, „Dragon Age“ oder „Assassin’s Creed“ ist es auch schon seit Jahren klar, dass diese keine Probleme mit Veröffentlichungen am deutschen Markt (mehr) haben. Ein „Assassin’s Creed“ bekommt – mutmaßlich wegen dem genehmeren historischen Szenario trotz aus meiner Sicht unglaublicher Brutalität – sogar tradtionell Jugendfreigaben von der USK. Und die Vollversion von „Crysis 2“ soll mittlerweile auch offiziell abgesegnet worden sein

Soweit so gut. Also darf man wirklich spekulieren: warum gab/gibt es dort jetzt auf einmal etwas ohne Kennzeichen? Waren der/die Exklusiv-Deal(s) für M$ einfach zu wichtig und sind in der Schnelle da tatsächlich Fehler passiert, oder war es doch ein Versuch. Das Experiment aus einer neuen Chefetage, welche vielleicht etwas weltoffener und im Ansatz wenigstens a bisi tolerant ist? Neuerdings. Bis sich KJM, jugendschutz.net oder sonstwer eben meldet. Anstatt vor Menschenverachtung und arrogantem Hass nur so zu triefen. Leute die eben keine ErfüllungsgehilfInnen einer kulturell fremdenfeindlichen Staatsgewalt mehr sein möchten. Deren Brutalität nicht mehr aushalten (wollen). Dies – so wie ich es nicht könnte – mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbahren: ähnlich halt wie die ehrenwerte Frau Gunnel Arrbäck schließlich gehandelt hat.

Man erinnert sich. 2006 war es, als international gängige Computer- und Videospiele von der „Spieleveteranen“-Höchstprominenz noch indirekt mit Autobahnrasen und Tierpornografie verglichen wurden: „Nochmal ein Vergleich mit der Porno-Branche: Bei uns in Deutschland ist eine Menge Erotik in frei zugänglichen Medien erlaubt, Erwachsene haben sehr einfachen Zugriff auf “harte Pornos” – aber bei bestimmten Sexualpraktiken ist Schluß, die finden auch bei Beate Uhse nicht statt. In USA ist die freie Erotik wesentlich eingeschränkter. In Holland kommen Erwachsene umgekehrt auch an Sachen ran, die in Deutschland verboten sind. In Deutschland ist Postversand von harter Pornographie nicht möglich, die Österreiche schicken auch härteres Material problemlos per Post. Das sind nun mal die Regeln, im jeweiligen gesellschaftlichen Prozess aufgestellt. Erwachsene können in Deutschland nicht frei entscheiden, welche Pornos sie sehen, mit welcher Geschwindigkeit sie durch eine Tempo 30 Zone fahren und wieviel Geld sie dem Staat von ihrem Gehalt abgegeben wollen. Warum sollten Computerspiele ein regelfreier Raum sein? In Österreich ist dafür Tempo 130 auf der Autobahn, ohne Ausnahme.“

‚Das im deutschen Wertesystem aufgrund der Vergangenheit in diesem Jahrhundert das Thema “Gewalt” ein sensibles ist, sollte man bitte akzeptieren.‘
Und ich nochmal: nein. Entschieden nein: historische Verantwortung wird gerade so mit Füßen getreten, wenn mit kulturellen Sauberkeitsvorstellungen und allen möglichen Unterstellungen – von einer Dichotomie zwischen Kunst und Kommerz angefangen – kreativen Fremden begegnet wird. Mit dieser REALEN Gewalt. Und dieser REALEN Menschenverachtung.
Noch dazu mit Begriffen wie der Rede von einer „Verrohung“ operiert wird, welche gerade in diesem von Godwin’s Law so schändlich ausgeblendetem Thema (auch!) gesetzlich verankert gewesen ist.
Was will man so historisch eigentlich erzählen? Mit dieser Vorstellung eigener Überlegenheit? Ungeheuerlich verharmlosend und zutiefst unmoralisch nenne ich das. Eine Perfidie für welche ich bloß Verabscheuung empfinden kann. Einem wahrhaftigen Übel gegenüber.

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