Die Sucht nach einer Winzigkeit

Gestern Abend wurde im Österreichischen Rundfunk wieder mal über Thomas Bernhard hergezogen. Allerdings nicht wie bislang meiner Wahrnehmung nach eigentlich üblich mit Einsprengseln einer politischen Rechten, der Historizität traditioneller Konservativer mit ihren ganzen kulturellen Sauberkeitsvorstellungen, sondern von zumindest eingebildet wohl eher doch „linken“ Geistesmenschen. Alles Andere wäre nach so vielen Jahren immer und immer wieder bereits längst zum Klischee erstarrt vorgetragen auch nicht gut gewesen. Und so hat es mir auch einigermaßen gut gefallen diese ganzen anderen Ressentiments in einem Segment mal auch im Fernsehen vorgeführt zu bekommen. Von Faschismus bei Bernhard war da die Rede, unter anderem.
Parallel dazu bei den Deutschen lief eine Sendung welche Bernhard gleich auf dessen Krankheit reduzierte. Typisch deutscher Realismus halt. Es war teilweise sogar weniger ein Bernhard- als ein Klinik-Portrait.
Während im Österreichischen Werner Schneyder „Kritik“ bezeichnenderweise als „Unterschied“ definierte, wo wie mir scheint gleich vieles zusammenkam: „Kritik“ so deckt sich ja auch mit dessen Vorgangsweise(n) gegen den schönen Sport der MMA, diskriminierend. Verbotsabsichten usw. Da sollte man wohl froh sein, dass das Bernhard nicht auch noch trifft.
Ein „Linker“ sei dieser jedenfalls nie gewesen, hieß es aus dem Off ungefähr
Ja das mag schon sein. Hoffentlich vielleicht sogar – doch was heißt das schon?
Wenn das Andere nicht ertragen wird, wird es niedergemacht? Ein Beststellerautor (Kehlmann) kam zu Wort, dessen Machwerke ich zugegebenermaßen so nicht mit der Beißzange anfassen würde, und aus dessen Mund kam dann auch bloß eine Überlegenheitsfloskel nach der Anderen. Ein deutschsprachiges, wenn schon nicht europäisch-„abendländisches“, Stereotyp aus der Geistesgeschichte jagte quasi das Nächste.
Wie überhaupt aus allem der ungeheuer brutale Sanftmut einer sich für etwas Besseres haltenden Intellektualität zu stehen schien: die Gewalt einer Norm wie ich sie ja auch hier des öfteren schon früher „kritisiert“ habe. Eigentlich möchte ich das demnach jetzt überhaupt nicht mehr – „kritisieren“. Nach soviel Unmut müsste dafür schon fast ein neues Wort gesucht werden – samt passende(re)m Begriff von.

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3 Antworten to “Die Sucht nach einer Winzigkeit”

  1. Karsten Says:

    Der böse Bestsellerautor hat doch eigentlich nur gesagt, daß ihm Karl Kraus näher steht, weil der viel radikaler ist. Ist das so schlimm?

  2. pyri Says:

    Ich wollte nicht behaupten, dass daran etwas schlimm gewesen sei – bezweifle aber, dass ein solcher Vergleich überhaupt Sinn macht: die Welt in welche Bernhard geboren wurde war doch eine Andere als sie Kraus vorfand. Das meinte ich im Übrigen auch mit Stereotypen und Klischees – es sind immer so personelle Bezüge wie zu Kraus oder Nestroy, Größen an denen sich irgendwie festgehalten zu werden scheint. Einordnungen die demnach vorgenommen werden. In solchen Sendungen, wobei mir persönlich halt lieber wäre gerade jemanden wie Bernhard der sich aus meiner Sicht jedenfalls kaum Vereinnahmen hat lassen eher für sich stehen zu lassen. Ja vielleicht betrifft das auch Andere, aber darüber möchte ich mir eigentlich kein Urteil erlauben: bei Bernhard auch nur eines über dessen letztes Lebensjahrzehnt, von dem ich das Klima hier in Österreich noch persönlich erlebt habe.

  3. Karsten Says:

    Und das finden Sie wirklich so schlimm, dass Sie seine Werke nicht mit der Beißzange anfassen würden? Kommt mir ein bißchen überzogen vor, ehrlich gesagt.

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