Über Reden und Realitäten von „Opfern“

Kommentar bei „Stigma Videospiele“: ‚@Hejoba
Ich sehe überhaupt nicht wie sich da so auf ein konkretes Gewaltverbrechen auch nur bezogen werden KÖNNTE. Und finde das reichlich naiv und verharmlosend: welche Redlichkeit oder Integrität würde sich dermaßen instrumentalisieren lassen – wie das hier doch eindeutig in Hinblick auf den Mediengewalt-Verein und/oder ExponentInnen von “Sichtwechsel” geschieht.
Darüber hinaus verstehe ich die Logik dahinter nicht: die Gewaltverbrechen welche auf Medien zum Beispiel bezogen werden geschahen in einem Land in dem es bereits einmalige Verbote, diese ganzen Indizierungen, schon seit Jahrzehnten gibt. Wäre es nicht wesentlich nahe liegender dieser restriktiven Praxis, einem repressiven Element in der deutschen Gesellschaft eine Mitschuld zu geben und im Gegenteil eher mehr Medienfreiheit in diesem Sinne zu verlangen?
Eine freiere Jugend?
Also das ist aus meiner Sicht auch überaus kurzsichtig gedacht.
Sowie: was geschieht denn hier eigentlich? Die Rhetorik gegen “Killerspiele” entspricht vielfach der Rhetorik einer Friedensbewegung seit den 1980er Jahren in Deutschland. Spätestens seit diesen 80ern gibt es auch verstärkt Ressentiments gegen Schusswaffen mit moralischen oder sonstigen Überlegenheitsdünkeln. Und damals gab es noch wirklich keine Schulmassaker von politisch schwerwiegender Bedeutung. Die welche da was oder viel dagegen haben hätten es wohl auch ohne Gewaltverbrechen, Linke wie Konservative. Angela Merkel trat bereits um 1990 bei RTL auf um gegen Gewaltdarstellungen in Medien zu hetzen: von den Schmutz- und Schundgesetzen angefangen hat das eine sehr lange Tradition.
Welche Identifikationen das alles erfordert – diese Fragen stellt auch kaum jemand.

Weshalb ich mich zu Angelgenheiten des AAW persönlich nur höchst ungern äußere liegt darin begründet, dass ich naturgemäß zwar auch in den Angehörigen der Opfer Opfer sehe, deren tote Kinder dadurch aber halt ebenfalls instrumentalisiert.
Und das ist überaus verwerflich für mich – ein unsauberes, schmutziges Geschäft mit Politik: was ich dabei, bei so Vorwürfen, auch feststelle, ist eine gewisse Bürgerlichkeit die sich für unantastbar hält. Denn mehr noch als Waffen oder Ego-Shooter zeichnete die männlichen, jugendlichen Täter wohl vor allem eines aus soweit ich es als Außenstehender überblicken kann: Außenseitertum.
Sexuelle oder andere Ausgrenzungen, soziale Isolation beziehungsweise zumindest größere Abgeschiedenheit ohne dass das ein erkennbarer alternativer Lebensentwurf (bereits) gewesen wäre.
Ich denke man sollte sich zum Beispiel eher fragen weshalb “Opfer” in deutscher Jugendsprache zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem Schimpfwort geworden ist – so wie es Blanka Weber getan hat http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/785390/
Da kommt man vielleicht mehr weiter als internationalen Erzeugnissen einer malevolent gedachten Industrie etwas vorzuwerfen, die von diesen ganzen Entwicklungen im Land womöglich noch gar nichts recht mitbekommen hat.
Macho-Typen, Sexiness oder (vermeintliche) Waffenstärke in international-kommerziellen Videospielen oder auf konsensualen Bondage-Bildern (RACK/SSC-mäßig) müssen nämlich nicht ernst genommen werden – in Lebenswirklichkeiten sind sie das jedoch bitterer Weise. Dort stellen sie das survival of the fittest nunmal dar
Mitunter existenxbedrohend und perspektivenlos – würdefrei: oder weshalb fragt sich keiner ob (eine Aussicht auf) Hartz IV nicht gegen die vielzitierte Menschenwürde verstösst? Oder dass beständig (genereller) gegen Transferleistungen agitiert wird.
Möglicherweise steigen da aber halt die Kinder welche in Winnenden umgebracht wurden auch nicht blendend aus, mitsamt ihrer Markenkleidung, ihren persönlichen Vorstellungen welche sie sich noch im Leben angeeignet haben, dahingehend was oder wer “ginge” und was oder wer eben nicht – und erst recht nicht deren Eltern: was oder wer für diese alles legitim wäre, usw.
Wer alles ein “Looser” sei oder “failen” würde im Leben, so etwas lernt man nicht durch Videospiele sondern höchstens durch andere VideospielerInnen in Spielen, welche deren antisemitisches, sexistisches, rassistisches, homophobes oder anderes Andere ausgrenzendes, diskriminierendes Gedankengut erst dort hinein bringen womöglich.‘

Zwei weitere Kommentare:

Das Problem so wie ich es sehe ist, dass die Spiele nicht als Ausdrucksformen mit Inhalt und Kontext gesehen werden, wie Romane, sondern auf eine technische Ebene so vielfach reduziert werden: als Spiele im Sinne von Spielzeug, auf eine materielle Ebene, usw. Ein Militär wird dabei kaum ein bloßes Interesse daran haben etwas zu erzählen oder eine sportliche Betätigung zu vermitteln, sondern da geht es eben um Trainingsprogramme, Bildung und Lehre. Von was auch immer: und genau das wird bei Unterhaltung nicht verstanden, weil Unterhaltung ideologisch demnach eher auch immer harmlos sein SOLL. Nichts beinhalten was schrecklich oder negativ gesehen werden könnte. Dazu zählt wohl auch eine Vorstellung die ich öfters wahrnehme, dass diese angeblichen Aneignungen von unerwünschten Kenntnissen über Spiele negativ auch als ARBEIT wahrgenommen werden, schon auch in Richtung der Suchtproblematik, während Aktivitäten in Freizeit eher in Richtung Erholung idealisiert werden, wenn sie schon keine körperliche Ertüchtigung sind. Das Horror-Genre erlebt so wohl ein grundsätzlich besonders großes Unverständnis.
Eine Computerspielwissenschaft die Inhalte auf Regelwerke reduziert hilft da im Übrigen auch nicht weiter, verstärkt diese Ideen womöglich sogar noch zusätzlich. Siehe die Idealisierung eines Landwirtschaftssimulators zuletzt bei der FAZ

Nachtrag: ich glaube um Grossman persönlich geht es hier zum Beispiel gar nicht. Sondern Grossman und dieser Journalismus, eine entsprechende (Kultur-)Politik und Meinung (beim Tagesspiegel zumindest gab/gibt es ja sogar einen Posten der nennt sich „Chef von Meinung“), haben halt ähnliche Vorstellungen von Unterhaltung.
Gäbe es Grossman nicht wäre es eben jemand Anderes, wobei ich ja noch dazu überzeugt bin, dass mit Grossman hier vielfach noch Linke, FeministInnen oder Leute aus der Friedensbewegung einem maskulin-konservativen Militär das Wort reden, bloß weil sie ein gemeinsames Feindbild in diesem Perfect Storm haben: die Unterhaltungsindustrie. Sie reden mit dem Verweis aufs Militär gegen die Unterhaltungsindustrie während Grossman dagegen für das Militär, oder in seinem Fall besser die Polizei, diese Gewalt, spricht. Weil er wahrscheinlich sowohl eine für deren Zwecke durch die Unterhaltungsindustrie unbrauchbar gewordene Jugend sieht, aus meiner Sicht menschenverachtender Weise – wie es aus Militärkreisen des Öfteren tönt, als auch eine die durch diese Unterhaltung subversiv gemacht wird oder sich nicht mehr subordinieren mag. Das alte Bild der Empörung eines Jack Thompson, dass in GTA Cops umgebracht werden können. Eine tatsächlich kritische Jugend, aber das wird von AutorInnen wie Carsten Görig beim Kulturspiegel sogar noch nachweislich geleugnet, wenn einem „Call of Duty“ etwa jegliches kritische Potenzial, eine andere mögliche Interpretation des Spiels, abgesprochen wird.
So viele Themen wo eine Claudia von Werlhof und der Bayerische Innenminister an einen Strang ziehen wird es da schonmal kaum geben…

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